Da der ADC gerade noch so frisch ist, gibt es jetzt hier ein kleines Kurzinterview zum Wettbewerb mit den Jurymitgliedern Mike John Otto und Oliver Hinrichs. Beide sind ADC Mitglieder und dieses Jahr wieder in der Kategorie “Digitale Medien” als Juroren dabei gewesen. Und bitte, viel Spaß euch beim Lesen und Danke an Mike und Oliver für das Beantworten der Fragen!
Ihr zwei wart dieses Jahr wieder in der Jury beim ADC in der Kategorie Digitale Medien. Wie läuft die Jurierung denn ab? Erzähl doch mal wie man sich das so vorzustellen hat.
Mike: Die digitale Jury läuft im Vergleich zu den anderen etwas anders ab - wir haben nämlich schon vor dem Zusammentreffen als Jury die Arbeit.
Als erstes bekommen wir die Arbeiten (diesmal waren es ca. 280 Exponate), einige Wochen vorher zur Durchsicht. Damit filtert die Jury das gröbste. Die Jury tagt dann drei Tage lang und schaut sich am ersten Tag die Arbeiten an, die es auf die erste Liste geschafft haben (ca. 120 Exponate).
Am ersten Tag gilt es die Shortlist zu erstellen, die dann die Basis für die nächsten beiden Tage ist um Medaillen Kandidaten zu definieren. Der dritte Tag sorgt dann noch einmal für heftige Debatten, da in drei Runden, die Jury die besten Arbeiten in Wahldurchgängen von Bronze zu Silber oder gar Gold befördern.
Oliver: Gerne. Vorweg möchte ich sagen, dass man sich die Juryarbeit - zumindest für den ADC Deutschland gesprochen - tatsächlich als Schwerstarbeit vorstellen muss. Und das nicht nur wegen der extrem vielen Exponate, die jedes Jahr eingereicht werden (ich glaube, wir hatten vor zwei oder drei Jahren über 400 Arbeiten zu bewerten) .
Die Jury „Digitale Medien“ nimmt als einzige so ca. 2 Wochen vorher am so genannten „Pre-Voting“ teil, in dem jeder Juror sich im Vorwege die Arbeit anschauen muss, und grob bewertet, ob sie die ADC Kriterien erfüllt, oder nicht. Nach einem bestimmten Schnitt berechnet bleiben dann die Arbeiten über, die während der offiziellen Jurytage in Berlin zur Diskussion stehen.
Beim ersten Zusammentreffen der Jury wird dann die Shortlist erarbeitet, die nach einer Art Schulnotensytsem die besten Arbeiten weiter eingrenzt.
Im weiteren Schritt wird dann zwischen den Jurykollegen unglaublich viel plädiert, diskutiert, manchmal sogar auch gestritten - schließlich will man ja die Arbeiten, die man persönlich besonders stark findet, gerne auch im Buch sehen!
Und die guten Dinge sind nicht immer für alle so eindeutig, wie man glauben mag ;-)
Die Diskussion ist übrigens offen. Die eigentliche Wahl jedoch, die darüber entscheidet, ob eine Arbeit ins Buch kommt oder nicht, und welche Art der Auszeichnung sie bekommt, wird im Geheimen festgelegt.
Die Jury setzt sich übrigens aus ADC Mitgliedern zusammen, die sich aktiv für die entsprechende Jury bewerben, im zweiten Schritt aber von allen ADC Mitgliedern mit ihrer Stimme hinein gewählt werden müssen! Ich hatte bisher immer Glück ;-)
Abschließend sei zu dieser Frage bemerkt: trotz der vielen Arbeit und manch hitziger Diskussionen, macht der fachliche Austausch untereinander extrem viel Spaß.
Und letztendlich machen wir mit unserem Juryurteil auch der Welt da draußen klar, wo es sich in Richtung digitaler Kommunikation gerade so hinbewegt. Man bringt seiner Rolle als Jurymitglied also auch sehr viel Respekt entgegen!
Soweit ich weiß wurde ja dieses Jahr in 6 Unterkategegorien insgesamt 1x Gold, 4x Silber, 9x Bronze und 26 Auszeichnungen vergeben - Wie bewertet ihr die Qualität der eingereichten Arbeiten?
Mike: Ich finde, dass diese Jahr ein recht schwaches Jahr war. Es gab keine wirklichen Highlights oder große Überraschungen. Das liegt daran, dass gerade bei der “Königsdiziplin” Specials und Microsites, alles schon gesehen war. Die Arbeiten hatten alle ein sehr hohes Produktionsniveau aber keine überraschte durch eine besondere Idee oder Innovation.
Die eigentlichen Überraschungen gab es eher bei den digitalen Sonderformaten. Besonders der Bildschirmschoner von Scholz & Friends für “Jobsintown” war nicht nur mein großer Favorit. Davon wünscht man sich mehr.
Zum Teil wundert man sich aber wirklich was alles so eingereicht wird. Manche Agenturen scheinen da eher mit der Schrottfline auf Awards zu hoffen als gezielte Abschüsse zu planen.
Oliver: Auf alle Jurykollegen wirkte die Summe der qualitativ guten Arbeiten erst einmal sehr ernüchternd. Es waren wirklich kaum gute und polarisierende Highlights zu spüren. Das war in den letzten Jahren schon einmal anders.
Viele Arbeiten z.B. waren formal klasse, haben dann aber in ihrer Ausführung nicht überzeugen können. Persönlich waren mir zudem zu viele Me-Too Einreichungen dabei, damit meine ich den Xten Spam-Vernichter, oder die X-te Automobil-3D-Render-Gedöns Site. Adaptieren von Ideen finde ich generell schon legitim, aber nur, wenn es a) sinnhaft und weitergedacht geschieht, und es b) die Arbeit noch originär erscheinen lässt.
Die stärksten Arbeiten kamen meiner Meinung nach ganz klar aus den Spezialdisziplinen, wie Interaktive Tools und Digitale Sonderformate. Man sieht, dass digitale Medien sich beim ADC nicht mehr rein auf Microsites und Banner beschränken müssen, was man an den herausragenden Exponaten wie z.B. das Juraskope oder das Nike+ Widget eindeutig sehen kann.
Konntet ihr bei den eingereichten bzw. prämierten Arbeiten gewisse Trends erkennen? In welche Richtung entwickelt sich die Online Werbung in Deutschland?
Mike: Interessant war, das das Thema “Raum” eine große Rolle spielte. Sowohl bei der Diesel Style Lounge, wie auch bei Ikea und anderen Arbeiten wurde das Produkt räumlich inszeniert.
Insgesamt bemerkt man, dass das Medium werblicher wird. Sowohl in der Jury als auch bei den Arbeiten merkt man stark zwei parallele Tendenzen. Zum einen aufwändig produzierte Produktinszenierungen, die stark vom Look und dem Design leben und zum anderen eher werbegetriebene Ideen, die eher mit Humor und einem viralen Gedanken produziert wurden.
Was ich jedoch vermisst habe, sind Cases die sowohl von der Idee stark sind, wie auch von der Gestaltung. Das klafft leider immer noch auseinander. Scheinbar ist es immer noch schwer einen guten Inhalt auch gut zu verpacken, oder einer guten Verpackung auch einen spannenden Inhalt zu geben.
Da geht hoffentlich noch was und haut uns nächstes Jahr endlich positiv um!
Oliver: Der Trend geht ganz klar in Richtung integrierte Kampagnen, von denen man wirklich gute meiner Meinung nach noch viel zu wenig in Deutschland sieht. Da schaue ich schon sehr neidisch nach Schweden, England und die USA, die es für meine Begriffe schon längst verstanden haben, und sehr viel unverkrampfter mit diesem Thema umgehen.
Der Erfolg der „Horst Schlämmer“ Kampagne belegt ja auch, das es mehr denn je Sinn macht, alle Kanäle zu spielen, und clever miteinander zu verzahnen. Auch wenn die gerade genannte Arbeit im speziellen nicht unbedingt meinen persönlichen Geschmack trifft ;-)
Meine abschließende Bemerkung: ich habe nur eine von 17 Stimmen der Jury, und kann und will damit nicht Meinungssprecher meiner Kollegen sein, sehe aber, das wir uns gerade durch eine Zeit bewegen, wo wir nahezu erschlagen werden von Begriffen wie Interactive-Video, Virals und Web 2.0. Das lenkt mir zu sehr den Tunnelblick auf die digitalen Medien, so nach dem Motto: egal was du machst, Hauptsache du liegst damit voll im Trend.
Speziell für Deutschland fordere ich mehr Arbeiten, die Normen und damit Gewohntes in anderen Bereichen sprengen. So versuche ich gerade mit ein paar Jury-Kollegen den Club für neue Kategorien zu öffnen, um so den Platz für neue Formate zu stärken, die auch weniger werblich sein können, und trotzdem punkten. Z.B. in dem sie durch eine neue Art der Interfacegestaltung auffallen, oder komplexe Materie intuitiv und leicht zugänglich präsentieren. Das Medium bietet viele Möglichkeiten originär zu sein, die nicht unbedingt immer an eine „Verkaufs-Idee“ geknüpft sein müssen! Du siehst: ich möchte Mut schüren, mehr einzureichen ;-)
Wegweisend finde ich, dass es mittlerweile sogar redaktionelle Arbeiten wie „einestages“ oder Screensaver auf das ADC Siegertreppchen schaffen, und hier voll überzeugen können. Mehr davon, bitte!
Filed under: Werbeblabla/ Events/ Interactive Design/ Unterwegs
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Cooles Interview! Wird es sowas jetzt öfters hier geben?
-Mal schauen :-) Schön wäre es schon wenn so Kurzinterviews hier zur Regel werden würden. Das Problem ist mal wieder die Zeit…
-Ein interessantes Pärchen haben wir da;
Wenn Oliver Hinrichs offensichtlich den Trend erkannt hat, wieso produziert er dann genau die Sorte von Arbeiten die der Joachim Król ähh - ich meine Mike John Otto beim diesjährigen ADC so kritisiert.
Da geht hoffentlich noch was und haut uns nächstes Jahr endlich positiv um!
… vorzugsweise von Ihnen Herr Otto & Herr Hinrichs, aber bitte kein “Me-Too” Kram, den davon haben wir auch schon zu Genüge von Ihnen gesehen.
dennoch cooles Kurzinterview Kai
.jan
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